Schulgeschichte in fünf Erinnerungen

5_Geschichte_Wolf_SchneiderDie Geburt der Henri-Nannen-Schule

Von Wolf Schneider, Schulleiter 1979-1995

Es geschah 1978, dass Henri Nannen, noch Chefredakteur des Stern, und Manfred Fischer, Vorstandsvorsitzender von Gruner+Jahr, die Idee ausheckten, eine Journalistenschule ins Leben zu rufen: Das Geld haben wir, ein Zeichen setzen wollen wir; auch sollten wir versuchen, den Nachwuchs für unsere Zeitschriften selbst heranzubilden, statt ihn von fremden Redaktionen abwerben zu müssen. Vor allem aber wollen wir eine Ausbildung anbieten, die gründlicher und umfassender ist als in den Redaktionen und praxisnäher als an den Universitäten. Dr. Adrian Schickler, Vorstandsmitglied für Finanzen, übernahm die juristische und technische Vorbereitung; an Henri Nannen war es, den Schulleiter zu finden.

Nannen und ich hatten uns viereinhalb Jahre lang fruchtbar und fröhlich gestritten: ich erst als Chef vom Dienst unter ihm, dann als Verlagsleiter neben ihm. Und ich war zu haben: als Chefredakteur der Welt im Hause Springer kaltgestellt, nachdem ich einen deftigen Kommentar gegen den chilenischen Diktator Pinochet zum Druck freigegeben hatte, wohl wissend, dass Axel Springer Pinochet mochte (wie auch Franco, Salazar und die griechischen Obristen).

Nannen, Fischer und ich wurden uns rasch einig: Die Schule soll zum ersten eine Einübung in den real existierenden Journalismus vornehmen, damit die Schüler sich schon in ihrem ersten Praktikum mit nichts blamieren und sich über nichts wundern – anders also als jene deutsche Universität, die sich des Praxisbezugs ihres Journalismusstudiums rühmte, weil die Schüler nach 14 Monaten in die Praxis mussten; dort freilich erlitten sie einen Schock. Und was folgerte die Universität daraus – das Studium ändern? Nein: Magisterarbeiten über den Praxisschock schreiben lassen.

Zum zweiten aber sollte die Schule versuchen, einen besseren Journalismus als den großenteils praktizierten zu lehren – einen, der seine beiden königlichen Aufgaben erfüllen kann: die Bürger zu informieren und den Mächtigen auf die Finger zu sehen.

Zu dieser klaren Zielvorgabe traten zwei weitere Elemente, über die Nannen, Fischer und ich uns ohne Debatte einig waren: Als Dozenten werden ausschließlich praktizierende Journalisten eingesetzt, und die Schule ist eine Schule und keine Universität; es herrscht also Präsenzpflicht, der Schulleiter ist zugleich der Disziplinarvorgesetzte, und die Schüler haben Anspruch darauf, in ihren anderthalb Jahren alles zu lernen, was sich bei höchster Arbeitsintensität in anderthalb Jahren lehren lässt. Daraus folgte, dass mancher Schüler, frisch von der Universität gekommen, einen Schul-Schock erlitt – einen Praxisschock aber nicht einer.

Für die erste Auswahlprüfung im Dezember 1978 und für den 1. Lehrgang, der am 2. April 1979 begann, hatte Jürgen Frohner seine Erfahrungen und Stundenpläne als Leiter der seit 1949 erfolgreich tätigen Deutschen Journalistenschule in München zur Verfügung gestellt. Ich selbst hatte als Redakteur der Süddeutschen Zeitung (1956–1966) auch schon an ihr unterrichtet und dem Prüfungsgremium angehört.

Beim 1. Lehrgang – und nur bei ihm – hatte die Schule mit einem technischen Problem zu kämpfen: Erst nach einiger Mühe ließen sich genügend Plätze für das erste Praktikum finden, das nach guter alter Sitte in der Tageszeitung stattfinden sollte: Bei Gruner+Jahr erschien ja noch keine, die Schule war unerprobt, und was sollte das Zeitschriftenhaus vom Zeitungsjournalismus verstehen!

Schon beim 2. Lehrgang war das Zeitungspraktikum kein Engpass mehr: Die Redaktionen hatten die Praxisnähe und die Härte der Ausbildung honoriert; dabei wohl auch die Pflege der „Sekundärtugenden“, die Oskar Lafontaine verspottet hat, ohne die aber eine Zeitung nicht erscheinen kann: Verlässlichkeit auf die Minute und auf die Zeile.

1983, zu Henri Nannens 70. Geburtstag, wurde der Hamburger Journalistenschule der Ober- und Ehrentitel „Henri-Nannen-Schule“ verliehen. Dass Nannen dies als Ehrung verstand, war wiederum eine Ehre für die Schule. Ich legte 1995, kurz vor meinem 70. Geburtstag, nach 16 Jahren die Schulleitung nieder und gab sie weiter an Ingrid Kolb.

Ingrid_Kolb_02Ein Kampf um die Schule

Über Ingrid Kolb, Schulleiterin 1995-2007.
Von Andreas Wolfers

Sanft im Tonfall, moderat und verbindlich in größerer Runde, herzlich im Zwiegespräch. Kritik charmant verpackt. Oft auf Ausgleich bedacht. Wo sie hintritt, wächst Gras. Ingrid Kolb eben.

Sie kann auch anders. Ihre Schüler wissen das, andere haben es erstmals im Herbst 2003 erlebt. Damals entbrannte ein Streit um die Henri-Nannen-Schule; genauer: um die Frage, wer und was hier künftig unterrichtet werden sollte. Der Konflikt zeigte die kämpferische, in Grundsatzfragen kompromisslose Ingrid Kolb. Die mit einer Beharrlichkeit, die für manche schon an Starrsinn grenzte, ihre Ziele verfolgte.

Anlass des Konflikts war die neue Hamburg Media School, ein Prestige-Projekt des Hamburger Senats. Eine Art „deutsches Harvard für Medienberufe“ sollte an der Elbe entstehen, hatte der Wissenschafts-Senator erklärt. Der Campus war 2003 üppig ausgestattet, der akademische Lehrplan aber mager. Weshalb die Leitung der Media School kurzerhand vorschlug, die Nannenschule in die neue Hochschule zu integrieren. Der Senat und Hamburgs große Verlagshäuser, die zum Förderverein der Media School gehörten, fanden die Idee einleuchtend. Und der G+J-Vorstand erklärte, das Begehren wohlwollend zu prüfen.

Ingrid Kolb hielt von den Plänen herzlich wenig. Und weil sie Diplomatie nicht für die erste Tugend einer Schulleiterin erachtet, sagte sie das auch laut. Acht Monate lang nutzte Ingrid Kolb Argumente, Tricks und Kontakte, um die Übernahmepläne des Senats auszuhebeln.

Als Schulleiterin plagte Kolb die Sorge, ein Anschluss an die Hochschule würde die Nannenschule akademisieren, mit credit points statt Praxisbezug. Als Journalistin plagte sie zudem, dass Nannenschüler dort in eine Welt geraten würden, die ihr, Kolb, zutiefst fremd war. In eine Fakultät, an der zum Beispiel Interview-Technik in die Lehreinheit „communication skills“ fiel und Redigieren in „Prozesse der Inhaltegestaltung“. Was für ein Schwachsinn!

Es war, grundsätzlich betrachtet, fast eine Art Kulturkampf geworden, bei dem Ingrid Kolb auch Wolf Schneider, von dem sie wesensmäßig allerhand trennt, uneingeschränkt hinter sich wusste. Als Wolf Schneider eine Pressemappe der Media School nach Mallorca gesandt bekam, hat er sie sogleich, wen wundert’s, redigiert; „pompöses Geschwafel“ vermerkte er mehrfach. Und in einem Brief nach Hamburg schrieb er: „ Ich erkläre diese Hochschule hiermit zum Objekt meiner Verachtung und werde das Äußerste tun, sie per korrekter Zitierung öffentlich zu verspotten.“

Ingrid Kolb würde so etwas nie tun. Und sie brauchte es auch nicht, die Sache lief mittlerweile gut für sie. Fast 100 Journalisten, darunter viele ehemalige Schüler, hatten Brandbriefe an den G+J-Vorstand geschrieben. Chefredakteure von G+J standen Ingrid Kolb zur Seite. Und als im April 2004 die Henri-Nannen-Schule im Hamburger Rathaus ihren 25. Geburtstag feierte, erntete Zeit-Herausgeber Michael Naumann bei seiner Festrede demonstrativen Applaus für den Appell, „diese einzigartige Lehrstätte unbedingt so zu erhalten, wie sie sich bewährt hat“.

Der Kolbsche Abwehrkampf war erfolgreich, die Stadt Hamburg erhielt keine Zugriffsrechte auf die Nannenschule. Drei Jahre später endete für Ingrid Kolb die Zeit als Schulleiterin. Neue digitale Formate und Technologien hatte sie in den Lehrplan eingebaut – und zugleich den Kern der Schule bewahrt: die Konzentration auf das journalistische Handwerk. Ohne credit points. Das Master-Studium Journalismus an der Media School, mit 6000 Euro Jahresgebühr, wurde 2011 eingestellt. Mangels Bewerber.

5_Geschichte_SchnibbenIch habe einen Albtraum

2004, Festakt zum 25. HNS-Geburtstag, Rede von Cordt Schnibben, 3. Lehrgang

Ich habe einen Albtraum. Es ist sechs Uhr morgens. Ich stehe am Fenster. Ich bin nackt. Im Zimmer ist es kalt. Es ist Winter. Die Wohnung hat keine Heizung, nur Kohleöfen.

Die Wohnung ist in Frankfurt, in der Teichstraße. Sie gehört einem Ehepaar. Ich bin der Untermieter. Ich bewohne ein Zimmer.

Es ist der 22. November 1981. Ich stehe am Fenster. Ich schaue auf die Straße. Ich warte auf ein gelbes Auto. In Hamburg haben sie mir gesagt, wenn ich die Prüfung bestanden hätte, käme die Zusage frühmorgens. Per Eilboten. Die Absage käme mit der normalen Post. Der Mann mit der hohen Stirn und dem fletschenden Lächeln hat mir nicht gesagt, was frühmorgens heißt. Sechs Uhr? Sieben Uhr? Acht Uhr?

Ich stehe am Fenster. Ich schaue auf die Straße. Ich warte auf ein gelbes Auto. Es ist neun Uhr. Ich ziehe mich an. Ich gehe zur Arbeit. Ich werde kein Journalist werden. Ich bin schon 29 Jahre alt. Ich bin zu alt. Ich muss Werbetexter bleiben.

Ich arbeite in einer Frankfurter Werbeagentur. Ich schreibe Anzeigen für Duschdas. Für Ferrero Küsschen. Für Hansamed Wunddesinfektionsspray.

Im Jahr darauf gewinne ich den ersten „Goldenen Löwen“ bei den Werbefestspielen in Cannes. Ich werde Kreativ-Direktor. Ich schlafe mit ganz vielen Grafikerinnen. Ich gewinne den nächsten Löwen. Ich fahre einen Jaguar. Ich fliege in die Karibik. Dreharbeiten. Für Baccardi. Ich schlafe mit ganz vielen Models.

Die Head-Hunter sind hinter mir her. Ich werde International Group Head. Bei Young & Rubicam. In Los Angeles. Ich lebe in Kalifornien. Ich drehe Werbespots. Für Coca-Cola. Für Oil of Olaz. Ich treffe Cameron Diaz. Ich schreibe ein Drehbuch für sie. Sie heiratet mich. Ich bekomme den „Oscar“. Ich bin reich. Ich nehme Kokain. Mir geht es gut. Die Sonne scheint. Ich schlafe mit ganz vielen Journalistinnen.

Ich schreibe meinen ersten Roman. Er wird in zwanzig Sprachen übersetzt. Ich schreibe meinen zweiten Roman. Er wird in dreißig Sprachen übersetzt. Ich bekomme den Nobelpreis. Ich bin unglaublich reich. Ich kaufe den „SPIEGEL“. Ich kaufe die „Zeit“. Ich soll Bürgermeister von Hamburg werden.

Es klingelt. Ich schaue aus dem Fenster. Vor der Tür steht ein Postbote. Es ist 7 Uhr 39. Er schwenkt einen Eilbrief. Ich hasse Sie, Wolf Schneider. Was für ein schönes Leben hätte ich haben können. Schließt alle Journalistenschulen.


rafaela_bredow_02Der erste Schultag


1995, von Rafaela von Bredow, 18. Lehrgang

Es war entsetzlich. Eigentlich hatte dieser Tag einer der schönsten in meinem Leben werden sollen. Nun hockte ich da, im Kreis meiner neuen Mitschüler, und versuchte, stolz und glücklich zu lächeln, bis mir die Mundwinkel schmerzten. Es sollte keiner sehen, wie winzig ich mich fühlte.

Wie um Himmels willen hatte ich mich nur dazu versteigen können, Journalistin werden zu wollen? Wer war ich schon neben diesem Mann, der schon Jahre den Mächtigen der Stadt Neumünster auf die Finger gesehen hatte? Im Vergleich zu diesem Radio-Profi, der bereits Beiträge (auf Französisch!) für Radio France produziert hatte! Einer hatte sogar schon ein Buch geschrieben! Noch nicht mal die Jüngste war ich. Kein Trost, nirgends.

Zurück konnte ich nicht. Schaudernd erinnerte ich mich daran, wie es war, im Biologie-Studium mit einer Kanüle Löcher in Mottenlarven zu stechen und gelbes Blut aus ihnen herauszuquetschen, um sie dann als leblose Läppchen ins Würmer-Massengrab zu werfen. Kurzzeitig erwog ich meine Position auf dem Heiratsmarkt, um dann festzustellen, dass auch dieser Gedanke leichte Übelkeit erzeugte. Zurück zu Mama und Papa? Regressive Fluchttendenzen, schalt ich mich. Es gab also keine Wahl – ich blieb.

Viel, viel später erzählte mir der Profi-Redakteur aus Neumünster, er sei sich damals „mies und ungebildet“ vorgekommen. Die Radio-Frau sagte, ihr erster Gedanke war: „Hier bin ich falsch“. Der Buchautor schließlich hatte sich „gefühlt wie ein Gejagter“. Die Welt war wieder heil.

5_Geschichte_Khue_bWas die Nannenschule aus einem macht

2010, Serie über Journalistenschulen auf Spiegel-Online, Beitrag von Khuê Pham, 32. Lehrgang

Neun Uhr abends, wir sitzen immer noch in der Schule. Haben ja nichts Besseres zu tun als zu arbeiten, wir Nannenschüler. „Kannst du mal gegenlesen?“, frage ich meinen Bürokollegen und gebe ihm einen Text. Ist ja klar, was jetzt kommt: Kritik, Kritik, Kritik.

„Ich finde ‚donnern‘ zu lautmalerisch in diesem Satz…“, sagt er. Was würde ich nur ohne meine Mitschüler tun? Wahrscheinlich glauben, ich könnte schreiben.

Seit einem Jahr bin ich an der Hamburger Journalistenschule. Eigentlich wollte ich nur lernen, wie man einen guten Text schreibt. Jetzt bin ich ein Nannenkind mit 19 neuen Geschwistern (den Mitschülern), einem Ziehvater (dem Schulleiter) und knapp 600 Verwandten (meinen Vorgängern). Ihre Bilder hängen in einer Ahnengalerie im Schulflur, darunter stehen Namen, von denen ich viele täglich in der Zeitung lese.

Seit dem Lehrgangsstart an der Henri-Nannen-Schule habe ich ein neues Lebensmotto: Qualität kommt von Qual. Es stammt vom ersten Leiter unserer Schule, Wolf Schneider. Nannenschüler, predigte er uns bei einem Kurzbesuch, schreiben auf die Zeile genau, kommen immer pünktlich und werden nie krank. Sie vermeiden Sprachmüll, wissen Tatsache von Mutmaßung zu trennen, und verfassen sie eine Reportage, haben sie ein cineastisches Faible: Dann gilt es nämlich, das „Kino im Kopf“ anzukurbeln.

Wir haben aber auch Spaß. Zum Beispiel, wenn wir Videos anschauen, die wir im Multimedia-Seminar produziert haben. Oder wenn wir Klassenpartys schmeißen und zu YouTube-Videos abrocken. Wir verstehen uns ziemlich gut, wir 20 Geschwister.

Nur die Verlagskrise vermiest uns die Laune. Es ist nicht gerade aufmunternd, eine journalistische Ausbildung zu machen und immer wieder zu hören, dass Stellen gestrichen und Redaktionen verkleinert werden. Aber wir sind halbwegs optimistisch. Was bleibt uns auch anderes übrig?

Ende Juni 2010 verlassen wir den Schoß der Schule. Dann ist Schluss mit Kaffeedienst, Rundmails und Mittagessen in der Gruner+Jahr-Kantine. Wahrscheinlich wird mir sogar die blöde Pausenklingel fehlen. Schon komisch, was die Nannenschule aus einem macht.